Holger Richter

Chimes Of Freedom

 

 

Schon in dem Moment, als ich den Brief bekam, fielen mir die Worte von den Glöckchen der Freiheit ein, aber ich wusste nicht mehr woher. Das begleitende Gefühl dazu war ein Lächerliches, was sollte das sein, entweder war Freiheit eine große, majestätische Glocke, die schwang, die man weithin hörte, ein Fanal oder man konnte es vergessen.

Das Klassentreffen sollte im Herbst sein, zwanzig Jahre danach, nach der Abiturzeit, nach der Jugend, fast zwanzig Jahre hatte ich in diesem lächerlichen Staat gelebt, der so vielen Angst und soviel Angst gemacht hatte und nun lebte ich schon fast zwanzig Jahre in einem Land, in dem man die Wahl hatte.

In den vergangenen Jahren hatte ich mich schon gefragt, ob es jemals wieder zu einem solchen Treffen kommen würde, was war aus den Leuten geworden, die auseinander gegangen waren, kurz bevor dieser Staat auseinander gegangen war, zerfallen, zerplatzt, verschwunden. Ich selbst hatte mich gescheut, so etwas zu organisieren. Die Gedanken daran waren immer wieder wie von selbst vergangen, zerbröselt, hatten sich aufgelöst, wie man denkt, man müsste wieder Sport treiben oder die Kiste mit den Fundsachen der eigenen Geschichte, Briefe, Notizzettel mit unglaublichen Ideen, Kalender, Zeugnisse, unzuordenbare Fotos, Freundschaftsringe, Schwüre, Haare, besondere Steine, diese Kiste aufräumen und ordnen. Aber man tat es nicht.

Es war ungewöhnlich warm gegen Ende des Septembers, als ich in diese Stadt fuhr, die ich seit jenen Tagen nicht mehr besucht hatte, ich war weit weg gezogen in die Großstadt in eine andere Welt, die den Mief der Diktaturen wesentlich früher abgeschüttelt hatte, ich war tatsächlich nicht mehr in den jammervollen Osten zurückgekehrt und betrat nun noch einmal den brüchigen Boden dieser Stadt, dieses Landes, in dem das alles geschehen war. Diese Stadt, über der ein Schloss thronte, in dem sie vor Jahren Menschen verbrannt hatten und der schwarze Rauch sich in die Seelen der Menschen eingefressen hatte, den sie auch nicht losgeworden waren, als sie sich eingemauert hatten.

Zur Zeit der Dämmerung wollten wir uns vor der alten Schule treffen, es sollte ein Treffen in der Schule werden, irgendjemand hatte den Schlüssel besorgt. Der Weg vom Bahnhof zur Schule ließ mich ahnen, dass ich nicht hätte hinfahren dürfen. Die Landschaften blühten noch, von Tschechien her zog etwas Purpurfarbenes auf, alte Menschen auf den Straßen warteten auf das Heim, noch immer das Grau des vergangenen Staates und das Gräulich hilfloser Zukunft im Gesicht. Rudis Reste Rampe, leer stehende Schulen. Es fehlte der Geruch der Kinder, Wohnungen Wohnungen Wohnungen zu vermieten, dort eine junge Mutter mit Kinderwagen, auf ihrem Shirt in altdeutschen Lettern Pitbull, Zigarette in der Rechten, die sie ab und an ohne Genussgier in ein stumpfes Gesicht steckte, Das ist Sachsen, sagte die Werbung für ein Wasser, Heimatfront, stand auf einem anderen schwarzen Shirt mit einem kleinwüchsigen Reichsadler darunter, und ein ahnungsloser Rundschädel darüber, der nicht weiß, was hier alles geschehen war.

Jeder Schritt in diese Stadt hinein, brachte die Erinnerung zurück, ein Schmelzofen der Erinnerungen, sie waren ineinander vermengt, an diese Klasse, an diese zwei Jahre vor dem Zusammenbruch, in einem Land, in dem die Klassengegensätze aufgehoben sein sollten, ich hatte mich nur an einige Namen erinnert, Hans-Eckart, mit dem wir Lieder sangen und der nach der sogenannten Wende verschwunden war, aus den Telefonbüchern, aus den Suchmaschinen, die fürchterlich rote Nina, die sich mit Sowjetsoldaten Briefe geschrieben hatte, die mit mir heute noch zu hörender deutlich zu hoher Stimme vorgeworfen hatte, gegen den Frieden zu sein, weil ich die Kalaschnikow nicht anfasste, die sie uns austeilten für den Frieden. Für den Krieger, dessen Stärk’ es ist, nicht zu kämpfen, was war das für ein Text, fragte ich mich auf dem Weg in die Schule.

Wer noch, was war damals los gewesen. Reinhold, der Bürgersohn, eine alte Rechtsanwaltsfamilie, holzgetäfeltes Haus mit Zugehfrau, Bibliothek und Speisekammer mitten im Sozialismus, Westverwandtschaft Westpäckchen, Westkäse, aber eben auch Westbücher Solschenizyn Havel Biermann. Reinhold hatte mir auch in der Bibliothek des Vaters den Kampf gezeigt, der Vater war stolz gewesen, in einer der Blockparteien zu sein. Mit Reinhold hatte ich damals Pfeife geraucht, wir wollten die Maidemonstrationstribüne ansägen und darunter große Bottiche mit Gülle stellen und wir hatten schon die Funktionäre, noch lächelnd und winkend, fallen gesehen.

Ich ging an der Kirche der kleinen Stadt vorbei in Richtung Schule, der Kirche, in der wir uns damals getroffen hatten, alle die, die etwas gegen diesen Staat hatten mit seinem Aufmärschen, den Lautsprecherwagen, der Mittwochssirene, dem Schwarzen Kanal, den Ausweiskontrollen, dem überwuchernden Grau. Ich weiß nicht mehr, wie es gekommen war, dass ich mich damals der Kirche angeschlossen hatte, ich hatte nichts mit dem Gott der Christen zu tun gehabt, aber ich hatte als Sechzehnjähriger gemerkt, dass ein Staatstheater aufgeführt wurde, zum dem man nur Nein sagen konnte, wollte man noch so etwas wie Identität spüren.

Wir hatten in der Abiturklasse diskutiert, mit Nina, mit Hans-Eckart, mit einem Lehrer, der ein Fach, das doch tatsächlich Staatsbürgerkunde hieß, unterrichtet hatte, und auf die Frage von mir Und was haben Sie im Krieg gemacht?, rot im Gesicht aus dem Unterricht gegangen war, die Widersprüche waren unübersehbar gewesen und jetzt, auf dem Weg zur Schule, als es anfing zu regnen, deckte der Regen die Geschichten und die Geschichte auf. Ich sah wieder das hilflose Gesicht von Nina vor mir, die gestammelt hatte, ja aber, wir wir sind der bessere Staat, die Faschisten sitzen doch im Westen; ich hatte ihr etwas von den Nazis in der Volkskammer erzählt, Ernst Ostermeyer, Herbert Kröger, Heinz Funke, SS- und SED-Mitglieder, und dann wurde ich zum Direktor der Schule bestellt und dem sagte ich das gleiche, aber der wusste schon, was ich in der Klasse gesprochen hatte.

Ich suchte Schutz unter einem Torbogen, als es jetzt zu hageln anfing und ein Donner von Osten grollte. Wir hatten diese Mädchen in der Klasse, ich erinnere mich nicht genau, Katrin Jana Kerstin oder wie sie hießen, die nie zu irgendetwas etwas sagten, die lächelten und nach unten schauten und gute Noten schrieben, Jens war einer von den Jungen, die genauso waren, gute Miene, Uwe.

Aber ich wusste, worauf die Erinnerung zulief, auf dieses Schulgebäude, auf Else, die anders gewesen war. Majestätische Bolzen schlugen in meinem Erinnerungsgehirn ein. Ich sah das schwere Schiff von Schulgebäude, das sie wie alles in dieser Stadt und in diesem Land umbenannt hatten, die Gebäude, die Straßen, die Partei, die Berufsbezeichnungen, nur waren die Gebäude und die Menschen dieselben geblieben, sie hatten den Kopf des Mannes, nach dem sie die Schule benannt hatten, übertüncht über dem Hauptportal, sie hatten sich nicht gewagt, ihn wegzuhacken, falls es mal wieder anders kommt, dachte ich sofort, so denken sie hier.

Und so las ich, dass die Schule jetzt nach einem dieser Dichter aus der Sturmunddrangzeit hieß, aber es stimmte nicht, als ich die Stufen empor schritt und mir meine Schuhe entsetzlich langsam und größer als sonst vorkamen. Ich gab Hände, hörte Lachen, sah altgewordene Schüler. Der Lehrer, für den ich einst schwärmte, und der der einzige gewesen war, der in diesem ganzen System noch Rückgrat bewiesen hatte und folgerichtig von der Schule gehen musste, stand an der schweren Schultür, und vielleicht lag es irgendwie an meinem Gehirn, dass er mir nicht größer vorkam als eine Katze. Um mich herum begannen die Gespräche, ungewöhnlicherweise lachten viele, trotz des Wetters und ich hörte mich viele Dinge sagen, von meinem durchaus erfolgreichen Beruf, den Kindern, den Reisen.

Neben der Schule lag noch immer das Gebäude des Ministeriums, und ich sah, wie sie es offenbar erst jetzt ausgeräumt hatten. Ich sah noch einmal die Lichter, die Tag und Nacht gebrannt hatten.

Reinhold war wie sein Vater Rechtsanwalt geworden, ich erfuhr, dass auch er dieser Gegend den Rücken gekehrt hatte und nun unweit meiner neuen Heimatstadt wohnte, ich sah Fotoapparate blitzen und doch fehlte etwas, was mein bebendes Herz übertönte. Wir betraten den ehemaligen Klassenraum, doch fehlte der Geruch der Unterdrückung, dann liefen wir die Stufen hinauf zur Aula, in der wir damals ein Theaterstück eingeübt hatten, jetzt mir fiel es wieder ein, als Else zur Tür eintrat.

Der Türrahmen wankte, mein Körper verwandelte sich in einen verzweifelten Fleischklumpen und ich hörte die Hochzeitsglocken von damals wieder, schon auf die vielleicht acht Meter Entfernung konnte ich sie riechen.

So blass, Luise. Wir hatten uns damals geküsst für das Schillerstück, Liebe mit achtzehn, Bühne und Nähe, und ich sah mit einem Mal ihren nackten Körper wieder vor mir, den ich unter einem Quittenbaum zum ersten Mal berührt hatte. Ich hatte das Stück zuerst in meiner Fantasie fortgesetzt und hatte mich zum ersten Mal in meinem Leben getraut und hatte den Ferdinand mit ihr auch an rostroten Abenden im Mai gegeben.

Else hatte Stolas umgehabt und sich nicht um irgendeine andere Meinung in der Welt geschert, sie lehrte mir Wagner und Stöhnen und hatte brennende Hände unter meinen Hemden und ich konnte einer elterlichen Enge entfliehen, die zugleich die Enge dieser Stadt und des gesamten Landes war. Ihre Liebe war das einzige, was mich in dieser Zeit aus der Politik, aus der verdammten Zeit riss, in ihr war ich nur Körper, mit ihr voller Gedichte und Lieder und der Zorn auf unser Gefängnis war nicht mehr. Else hatte mich befreit.

Ich hatte sie vergessen, was für ein Wahnsinn, dachte ich jetzt, was für eine Gnade des Vergessens vielleicht war es gewesen in den zwanzig Jahren, ich hatte vergessen wie es gewesen war, ihr jeden Tag Briefe zu schreiben, an den Kirschen am Fluss zu laufen und im lieblichsten Blond zu riechen.

Die seltsamen Puppenmenschen um mich herum schwatzten längst, erzählten ihre sogenannten Lebenswege, warum hatten wir das Klassentreffen hier in diese Räume verlegt, dachte ich, warum nicht in einem Restaurant, wie das alle machen. Viele Kinder waren geboren worden, Berufe wurden ausgeübt, wieder verloren, kaum einer arbeitete das, was er sich einmal vorgestellt hatte und wofür ihn der damalige Staat bestimmt hatte.

Nach dem Schiller hatten wir damals etwas von Vaclav Havel geprobt, wir, Reinhold, Hans-Eckart, Else und ich, wir wollten alle Schauspieler werden, nur die Kunst kann uns Rettung bedeuten hier, dachten, sagten, sangen, atmeten wir mit einem Mal. Wie hieß der Text, fragte ich mich, Glocken läuten für den Rebellen, den Schwerenöter, den glücklosen, den verlassnen und im Stich gelassnen. Was war das für ein Stück, das wir nie aufführten.

Dann sah ich es, als sich der hypnotische Nebel in dieser Aula hob. Ich sah Else und sie sah mir in die Augen und ich wusste, dass das, was heute passieren würde, unaufhaltsam war. Waren es reale elektrische Blitze, die um mich herum feuerten, oder nur für uns beide existierten, Blitze, die mir auf der Zunge lagen, die keinen Platz hatte, ihre Gedanken auszudrücken. Und dann hatte ich es nicht wirklich bemerkt, weil ich starräugig, dennoch lachend auf Else sah, weil ich wusste, dass ich sie noch heute berühren würde und sich mein Körper erinnerte, hatte ich nicht bemerkt, dass Karsten eintrat, breitschultrig, gleiche Frisur wie damals, auch damals trug er schon gerne Schlips, mit dem sie sie damals ausstatteten.

Ich sah mit einem Mal, wie Karsten aus dem Gebäude des Ministeriums gekommen war, drei graujackige Männer überraschten uns am selben Nachmittag noch beim Spiel, wie sie die Papiere beschlagnahmten mit dem Havelstück, Klassenfeind, hörte ich, einer zeigte auf mich, den da, von der Schule relegiert, und Else stand daneben und hatte ihren rehen Blick und hatte noch Was macht ihr da, was macht ihr da gesagt und ich sah noch, wie Karsten ihr seinen wuchtigen Arm um die Schulter legte, als ich abgeführt wurde und nicht mehr zurückkehren konnte, bis zum Ende jenes Staates von der Liebe verbannt.

 Karsten begann jetzt sofort zu reden, kein Gerichtssaal hatte ihn dazu aufgefordert, wie er damals bei der Polizei war und Kriminalistik studiert habe und sie hätten ihn zu jenem Einsatz auf dem Dresdner Hauptbahnhof verdonnert, wofür er nichts könne, er wolle alles wieder gut machen, er zahle das heutige Treffen, er sei jetzt Pharmavertreter für ganz Ostsachsen, wir haben auch was gegen Depression, falls jemand was braucht, lachend sagte er das.

Es tut mir leid, sagte Karsten, als er auf mich zuschritt, ich stand wohl auf der falschen Seite, als ich rasch nach vorn trat und zuschlug und ich mit einem Mal den ganzen Text hören konnte, es war ein Lied, und ich hörte, so süß, das Geläut der Freiheit.  

Tolling for the aching ones whose wounds cannot be nursed

For the countless confused, accused, misused, strung-out ones an' worse

An' for every hung-up person in the whole wide universe

An' we gazed upon the chimes of freedom flashing